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Ich lecke Wut ins Fell der Wunde.
Träume fallen grün vom Stamm.
So baumeln sie im Hass der Hunde.
Aufgehängt, serviert als Lamm.

Wie rum muss die Welt sich drehen?
Ich könnt der Wahn des Wahnsinns sein
Und irgendwann das Wahre sehen:
Mein Kopf ist spitz. Mein Kopf liebt Stein.

Doch ich bin stärker, immer wieder
Und als der Tag, dem ich vergab.
Ich halte ewig meinen Diener:
Der Wahn legt sich in Meisters Grab.

12.11.11 02:01


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Das Denken flieht den höchsten Kronen
Mein Boden ist der Fluchten End'
Das Licht will wild den Wald bewohnen
Doch du bist Zweck, den es nicht kennt

Ich geb den Heimatlosen Raume
Bin Stammbaum mit benetzter Schrift
Mein Herz ist abgehackt im Traume
Meine Rache süßes Gift
8.10.11 00:53


Der Funke, der Dämon, die pochende Tür
Die Fragen, die Fragen, wer hat was dafür?
Die Ichs, die Gewänder, verlassen und leer
Wo seid ihr, bedeckt euch, der Dämon blickt her.

Ich kriech' durchs Gehirn. Alle Gänge geräumt.
Die Träume mit "Vorsicht: Gefährlich" umzäunt.
Der Dämon verfolgt mich. Er öffnet mein Haupt.
Er zeigt mir mein Innres, das kriecht und nichts glaubt.

Ich krabble, ich krabble, ich fall' aufs Chitin
Mit Füßlein zum Himmel dem Ekel entfliehen!
Auch Sterben ist eklig. Ich will nichts mehr sein.
Noch Mensch, noch Dämon, noch Käfer, noch Stein.


 
2.9.11 17:15


Vor einigen Jahren hatte Annas Großvater ihr eine Spieluhr geschenkt. Abgesehen vom Getriebe war sie fast gänzlich aus Porzellan. Hob man den Deckel der Uhr und zog ein paar Mal am rostigen Drehschlüssel,  fing ein Hirte mit einem Wandererstock an zu tanzen, und ein altes, volkstümliches Lied erklang. Anna hatte der Uhr nie viel Beachtung geschenkt. Angestaubt stand sie auf ein paar alten Büchern, die sie ebenfalls geschenkt bekommen hatte, aber für die sie noch viel zu jung war, um sie zu lesen.
An diesem Abend aber konnte Anna den Blick nicht von der Spieluhr lassen. Seit ihr Großvater tot war, suchte sie mit einer Art disziplinierten Eifer nach Dingen, an die sie sich erinnern konnte. Denn obwohl sie allen Grund zur Trauer hatte, war sie doch nur ein kleines Mädchen, das die Emotionen noch nicht besaß, die ihr frühreifer Verstand ihr beibringen wollte.
“Diese Spieluhr ist eine besondere Spieluhr”, hatte ihr Großvater gesagt. Das war vor zwei Jahren. Er meinte damit die lange Familiengeschichte, die mit der Uhr verbunden war. Ursprünglich hatte sie Annas Großmutter gehört, deren Mutter sie wiederum vor langer Zeit erworbenen hatte. Alles was Anna jedoch gehört hörte, war dass die Uhr  “eine besondere Spieluhr” war. Natürlich besaß sie Zauberkräfte, konnte Anna drei Wünsche erfüllen, die Zeit beherrschen oder Missgeschicke vergessen machen. Aber bis zum heutigen Tag tat sie nichts anderes als spielen.
In dieser Nacht träumte Anna von der Spieluhr. Der Hirte weckte sie auf und sagte: “Ich wache über …“ und schwieg. Schlaftrunken fiel Anna ein, dass er ja Antrieb brauchte und drehte mehrmals am Schlüssel.
Der Hirte tanzte und sang: “Heute Nacht bin ich magisch. Du kannst mich ersetzen, Anna, mit wem auch immer du willst.”
Und Anna nahm den Deckel der Spieluhr, pflückte den Hirten ab und legte ihn auf ihren Nachttisch. Dann nahm sie ein Foto ihres Großvaters, legte es in die Uhr, drehte den Schlüssel, schloss den Deckel und wartete.
Am Fußende ihres Bettes erschien ihr Großvater. Er lächelte sie an und bewegte sich langsam zu den melancholischen Tönen der Musik. Anna stieg langsam aus dem Bett und schaute ihn ungläubig an. Ihr Großvater war nicht etwa ein Geist, er war aus Fleisch und Blut. So lebendig, wie sie ihn vor seinem Unfall zuletzt gesehen hatte. Das einzig Unwirkliche waren seine Bewegungen. Er sah aus wie das wackelnde Bild eines Fernsehers.
“Opa?”, fragte sie.
“Komm wir tanzen ein wenig”, sprach er.
Unsicher ging sie auf ihn zu. Sein Gesicht strahlte Güte und Gelassenheit aus.
“Wie kann es, dass du wieder da bist?”
“Diese Musik ist so wunderschön.” Er nahm ihre beiden Hände mit seinen eigenen kalten und fing an sich zu drehen. Anna verlor den Boden unter ihren Füßen, doch ihr Großvater hielt sie so fest, dass nichts passieren konnte.
Nach ein paar Runden war Anna schwindelig und ihr Großvater setzte sie sanft zurück auf den Boden.
“Ich hab doch gesagt, dass alt nicht auch rostig bedeuten muss”
“Bleibst du bei mir?”
“Ich … “
Die Spieluhr hörte auf zu spielen. Der Kopf ihres Großvaters sank auf seine Brust. Seine Glieder wurden schlapp. Jetzt sah er aus wie eine Puppe. Anna sah am Rücken ihres Großvaters nach und fand den Drehschlüssel. Sie drehte daran, bis es knackte. Er öffnete die hellblauen Augen.
“Ich werde gleich den Garten umpflügen.”
“Aber es ist mitten in der Nacht.”
“Wenn ich schon zu Besuch bin, kann ich auch ein bisschen zur Hand gehen”
“Aber du kannst jetzt nicht raus. Bleib bei mir.”
Die Augen ihres Großvaters folgten Annas Bewegungen. Er sah sie an, aber irgendwie sah er sie auch nicht an. Seine Augen waren mit keinerlei Erkennen gefüllt, nur mit Erinnerung. Und leise, leise hörte sie das Rattern des Getriebes.
“Opa spielt heute Abend noch mal mit dir. Such dir einen schönen Platz für die Spieluhr.” Damit sank der Kopf ihres Großvaters wieder auf seine Brust. Anna fing an zu weinen. Verzweifelt ging sie wieder hinter ihren Großvater, drehte am Schlüssel so feste sie konnte, bis es wehtat.
Ihr Großvater öffnete die Augen und setzte sich neben sie hin.
Anna konnte nur noch flüstern. “Ist es … ist es schlimm zu sterben?”
Ihr Großvater strich ihr durchs Haar. Seine Hand war kalt, aber Anna schloss die Augen und empfand Trost.
“Es tut nicht weh. Man spürt es kommen, weißt du. Und kurz hat man Angst. Bis man begreift, dass es nur eine Veränderung ist. Für einen ganz allein.
“Es tut mir leid, dass ich dich nicht mehr besucht hab”
“Mach dir keine Vorwürfe, Anna. Mach dir niemals Vorwürfe deswegen. Deiner Oma ging es am Ende sehr schlecht. Sie hat mit niemandem mehr gesprochen.”
“Aber ich rede doch von dir! Bitte rede mit mir, Opa.”
Doch der Vorhang in seinen Augen schob sich nicht zur Seite, rührte sich nicht. Anna hörte das Rattern hinter ihm leiser werden, in ein paar Sekunden würde ihr Großvater wieder still sein.
“Versprich mir, dass du bei mir bleibst. Für immer.”, sagte Anna. Ihr Großvater legte einen Arm um ihre Schulter und ihn an sich pressend weinte sie. Sie weinte auch dann noch, als ihr Opa erneut erstarrt war und alles was sich sonst noch bewegte, die Gardine an ihrem Fenster war.
Und da erkannte Anna zum ersten Mal, dass nichts wieder kam, was einmal gegangen war und mit nassen Augen fand sie sich in ihrem Bett wieder.  



10.7.11 18:25


Die Rolltreppe denkt: Wäre ich ein Mensch, ich wüsste nicht, dass ich funktioniere. Woher soll ich das wissen, wenn  ich auch andere Strecken gehen muss.  
Die Ampelschaltung denkt: Ich brauche Hände,  ich bin hungrig. Eine Hand zum glücklich sein! Ich bin satt. Ich bin glücklich.
Dies ist der philosophischste Gedanke der Ampelschaltung, der ihr möglich ist:
Die Hand macht mich glücklich. Wer macht die Hand glücklich? Hände machen mich glücklich, weil sie selber glücklich sind. Wer macht sie glücklich? Andere Ichs? Andere Hände?
Eine riesige Galapagos-Schildkröte hat 160 Jahre Zeit, um sich alle möglichen Dinge zu überlegen. Weil sie aber zu den langsamsten Tieren der Welt zählt, läuft alles in ihr langsamer ab als bei normal schnellen Tieren. Sie wird erst mit Mitte 20 geschlechtsreif, ohne dass es ihr so vor kommt, als hätte es ewig gedauert. In Wahrheit war es ihr bis dato egal. Sie investiert viel Zeit darin, ihre Ziele zu formulieren. Essen, verdauen, schlafen. Jetzt auch noch Fortpflanzung. Bis eine dieser Schildkröten 100 wird, sind ihr also nicht mehr existenzielle Gedanken durchgerutscht als bei einem Hund im Alter von 8 Jahren oder einem Thunfisch im Alter von 9 Monaten. In diesen Momenten denkt die Schildkröte: Ich glaube, die Winde, die an mir vorbeirauschen, sind wie ich. Sie sind von Gedanken bewohnt. Wie es wohl ist, wenn man hochgeworfen wird, nur um zerstreut zu werden? Was für eine flüchtige Art des Seins.
Ein Mensch hat am Tag circa 60000 Gedanken. Die meisten davon sind wie Noten von Beethovens 9., schon Millionen mal gehört und Millionen mal gespielt. Das Echo seiner Originalität ist lange verhallt und große Gemeinplätze sind daraus entstanden, in denen Menschen herumtummeln wie Murmeln in einer Kerbe im Holz. Viele verbringen ihr Leben auf diesen Gemeinplätzen. Wenn sie sterben, können sie furchtlos sein. Wovor sollen sie auch Angst haben, alles an ihnen wird konserviert. Die große Liebe. Es gab schon größere. Die Leidenschaften. Alle schon da gewesen. Die Überzeugungen, die Geschmäcker, die Erfahrungen, die nächtlichen Schwüre, die Lieder, die Vorlieben, die heimliche Eigenart des in der Nase Bohrens. Man kann phantastisch kombinieren, es sind trotzdem nur sechs Sinne. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Erinnern. Die Natur sagt: Hier sind sechs Taler. Kauf dir was Schönes! Was aber kann man sich mit sieben kaufen oder mit acht?
Hoch im Himmel schwebt er, der Kraken mit den acht Armen, den neun Sinnen, den 1000 Jahren Lebenszeit. Er weiß weder von der Rolltreppe noch von der Ampelschaltung, kennt keine Schildkröten und keine Menschen. Die chinesische Mauer hat für ihn keine ungewöhnliche Form, er hält sie für ein geologisches Phänomen. Das Einzige, was er sieht, sind Kondensstreifen. Auch die Flugzeuge sieht er nicht, nur manchmal fragt er sich, was den Himmel ankreidet.

4.12.10 00:41


Ich stemme dagegen

Ich stemme die Schuld

Ich hänge den Segen

Ans schwafelnde Pult

 

30.8.10 21:40


Anna, mit grauem Schlafanzug im Bett, ließ nicht den geringsten Kontrast zu der weißen Raufasertapete entstehen, über die sie strich, während sie die Decke anblickte. Die Mitternacht war eingebrochen, draußen schlug die Uhr zwölf Mal. Der Mond schien hell durch das Himmelsfenster auf Annas Habseligkeiten. Die Spielsachen waren in zwei Plastikkisten fein säuberlich sortiert. Für ihre Eltern wäre das ein ungewohntes Bild gewesen, aber diese brachten die Nacht bei ihrer Großmutter zu und verschwendeten keinen Gedanken an Annas plötzlichen Unternehmungsgeist. Anna hatte Ablenkung gesucht, indem sie ihre Freundin angerufen, Lana ausgeführt und sich mit ihrer Schwester unerhalten hatte, der außergewöhnlichen Situation wegen, sie hoffte, erschöpft in ihr Bett fallen zu können, wenn der Tag vorüber war. In dieser Beziehung war die junge Anna wie manche Erwachsene empfindlich. Es schien erträglicher, ihre Sorgen irgendwie vergessen zu machen, als sich tatsächlich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Und jetzt musste sie doch an ihren Großvater denken. Anna würde vielleicht schlafen können, aber wenn er die Intensivstation verließ, würde sie nicht schlafen wollen. Großvater Bernhard hatte einen mittelschweren Herzinfarkt, der zweite in diesem Jahr.  Mit einem Ruck riss Anna sich von Gedanken los, die sich in einer Drehscheibe verdichteten, vor allem aber wollte sie der Rührseligkeit keine Gelegenheit geben.
Unter ihrem Bett zog sie ein Buch hervor, das sie im Schneidersitz aufschlug. Es passte, dass es ihre Stimmung verschlüsselt darstellte. Es war ein Kinderbuch, grenzwertig genug, um die letzten Tage in ungeteilter Abgeschiedenheit zu verbringen. Auf einer die ganze Seite einnehmenden Illustration wurde gezeigt, wie eine Elfe einem sterbenden Krieger das Leben schenkte, indem sie ihre Flügel abschnitt und mit ihnen einen Heiltrank kochte. Für ein Kinderbuch war das ziemlich makaber, aber sowieso hatte Anna die Erfahrung gemacht, dass Autoren einer solchen Zielgruppe keine Feinde moralisierender Gewalt waren. Anna ärgerte die Wirkung, die das Bild auf sie ausübte. Sie klappte das Buch zu und warf es auf den Boden. Um den Krieger zu retten, hatte die Elfe ihr Leben behalten dürfen. Lediglich ihre Flügel musste sie hergeben. Wenn Anna genauer darüber nachdachte, dann war sie, obwohl sie ihren Großvater über alles liebte, nicht dazu bereit, auch nur irgendein Opfer außer Zeit zu bringen, um ihn aus seinem Unglück herauszuhelfen. Hier hinein hatte sie sich verfahren; sie fragte sich, inwieweit ihre Liebe Substanz besaß. Es flammte ein Wunsch in ihr auf. Sie bedachte in gleichem Atemhauch die Sterne mit einem sehnsuchtsvollen Blick. Sie wünschte, sie könnte zaubern. Zu zaubern bedeutet, keine Opfer bringen zu müssen. Sie würde für jeden, der es verdiente, die gesündesten Verwünschungen bereit halten . Zehn Sekunden später hasste sie sich für ihre Einfältigkeit.
Erstens, ihre Liebe war ein Scherz, und zweitens konnte sie nicht zaubern. Was blieb noch, um ihr Gewissen zu beruhigen? Die Verlegenheit führte Anna zur Mitte: Was wäre, wenn man Verantwortung übernahm, dafür dass man sich an einem Zauber versuchte? Sie könnte sich wünschen… sie könnte sich wünschen, dass ihr Großvater überlebt. Ein glückliches Leben fünf magische Jahre lang. Fünf Jahre, bis er stirbt. Der Zauber - der Preis. Das wäre, so dachte Anna mit Schrecken, ein dicker Batzen Verantwortung für sie. Verantwortung vor allem gegenüber ihrem Großvater, über dessen Leben sie bestimmte. Das war wahnwitzig. Es war wahnwitzig und böse. Sie zog die Decke bis zum Kinn. Gedanken können denjenigen verletzen, den sie betreffen, hält man nicht achtsam eine Hand vor ihren Schlund.
In jener Nacht hatte Anna einen Traum. Sie wanderte in ihrem Zimmer und ging tausende Meter, und in der Ferne nahm einen Pfad zur Raufasertapete. Heute war sie ein dichter Wald. Der Traumwandler zu sein, die Geduld eines alten Riesen herausfordernd, Anna die Königin der Nacht herrschte über diese Schar Versammelter, mit Gesang und Verderbnis in ihrer Stimme. Anna die Tochter des Windes, ihr flüchtiger Charakter lehrte den Klammernden die Furcht.
Im finstersten Winkel durchbrach sie eine Dickichttür. Und die tausend Teile spritzten auf den lichten Kiefernwald. Die toten Bäume reckten noch ihr schütteres Dasein in den Himmel, aber die Luft an diesem Ort war furchtbar. Die Alten arbeiteten nicht mehr, die Jungen waren nicht geblieben.
Das waren die Umstände für ein Schauspiel, das in den Wipfeln bis hin zur baldigen Berührung des Bodens erfolgte, überall teilten sich Mikroenergien den Raum. Sich selbst versorgende Lichter, wie Glühwürmchen, jedoch hergestellt, unlebendig oder nicht aufgeweckt.
Eine Elfe, die Anna die ganze Zeit über beobachtet hatte, trat hinter einem Baum hervor. Sie war bunt gekleidet, sah fast malerisch aus, und ihre dünnen Ärmchen wirkten wie ausgegrabene Zweige aus längst vergangener Zeit.
“Ich grüße dich” Mit einem Knicks verlieh sie, ihr eichfarbenes Gesicht regungslos, einer versteinerten Stimme Ausdruck.
“Nenne mir deinen Wunsch”
Anna zögerte.
“Ah. Ich sehe ihn schon.” Über ihren Köpfen flackerte wie Kerzenlicht ein Wunsch.
“Kann ich ihn dir anvertrauen?”, fragte die Elfe. Ihre Puppenaugen blickten aufmerksam, aber nicht feindselig zu ihr hoch.
Sie hob ein Ärmchen und machte eine ausladende, mechanisch wirkende Geste.
“Ich gebe sie nicht jedem”
“Kommen denn viele?”, fragte Anna.
“Nein”, antwortete die Elfe. “Du bist die Erste, die kommt.”
“Hm” Anna blickte sich um. Das Meer aus Licht wollte sich keinen Zentimeter rühren, keine einzige Woge brachte es aus der Ordnung.
“Gibt es noch mehr von deiner Art?”, wollte sie wissen.
“Nein. Ich bin die letzte.”
Das Licht über ihren Köpfen pulsierte begierig. Es war so versessen darauf, in Annas Körper zu fahren, dass es bereits ihren Herzschlag nachahmte.
“Warum kommt denn niemand? Das muss doch irgendeinen Grund haben?”
“Alle Aufträge werden storniert. Aber die Wünsche wurden ausgesprochen und können nicht zurückgenommen werden.”
Anna fasste sich ein Herz und dachte an ihren Großvater. Mit einem Nicken segnete sie die Bitte der Elfe ab.
Manchmal pflanzt man eine Entscheidung ins Universum, und dort verblüht sie und niemand findet je ein Wort für sie.
Großvater Bernhard starb an diesem Morgen. Später sah sich Anna die Illustration noch einmal an. Ihre Elfe hatte auch keine Flügel gehabt.
27.2.10 23:06


Einst lebten Dryaden in den Wäldern. Und auf den Friedhöfen, draußen, dort lebten die Nekrolithen.
Die Dryaden waren unsterbliche, stofflose Wesen, die den Mond verehrten, und deren Reigen die ganze Nacht anhielt. Nur tagsüber traten sie aus dem Wald heraus, um den Nekrolithen, ihren Tieren, Gesellschaft zu leisten. Längst wusste niemand mehr, wann diese Dinge angefangen hatten, das Tanzen, die Pflege der Hässlichen, vielleicht am Anbeginn der Zeit. Die Nekrolithen waren nicht unsterblich, sie starben zwischen Wimpernschlägen. Weil sie aber Fleisch besaßen, dieses eine den Dryaden voraus hatten, konnten sie sich berühren, sich vermehren, sich weiter und weiter verseuchen. Da sie aber keine Seele hatten, waren sie eine klumpige unbearbeitete Masse, die zu beachten keinen Sinn ergab, die zu töten nicht gelang. Wenn man einer Seele entbehrte, war der bestmöglichste Ersatz das Mitleid, jene am klarsten artikulierte Anwandlung von Selbstlosigkeit. Damals war diese Regung noch heilend; die Nekrolithen saugten es auf und es war beinah wie Leben, es durchströmte ihre Lungen beinah, beinah verlieh es ihnen Glückseligkeit oder regte ein Gefühl. Die Dryaden kamen mit ihren aufblitzenden Seelen und die Nekrolithen aßen. Während die Dryaden sich nicht veränderten, machte das Mitleid die Organe der Tiere schwach, und ihre Sinne wurden betäubt, ihre Haut wurde grau, ihre Glieder wurden steif, sie verkrümmten sich bis zur Unkenntlichkeit. Aber je schrecklicher ein Nekrolith vom Schicksal geformt worden war, desto mehr Seele steckte ein Wesen des Waldes in ihn hinein. Die lange Zeit hatte die Tiere unvorstellbar zugerichtet.
Eines Tages konnten in den Wäldern keine Kinder mehr geboren werden. Es gab zu viele Dryaden, die Alten starben nicht, sie wurden nur immer älter. Kinder verschwanden und zusammen mit ihnen ging jede Reserve unter: Es sollte keine Jugend mehr geben, keine neuen Liebschaften, keine neuen Tragödien, keine neuen Ideen, keine neuen Träume, keine neuen Idealismen, keine neuen Revolutionen, keine neuen Mächte, keine neuen Fehler, keine neuen Entdeckungen, keine neuen Umgänge, kein neues Lachen, keine neuen Wörter, keine neunen Geheimnisse, kein neuer Tanz und keine neue Art zu grüßen.
Zu sterben war vielleicht die Lösung. Darüber dachten die Alten nach. Denn nun, da sich nichts mehr veränderte, kam ihnen alles wie Einfalt vor, wie tausendfach widerlegt und trotzdem behalten. Wie Scherben alter Makellosigkeit, die mit Verzweiflung zusammengehalten wurden, wie die immergleiche Strömung, die alle Wunder an den Ufern ließ. Es entbrannte ein gewaltiger Streit. Diejenigen, die noch denken konnten, die Alten, sagten, dass sie Verwesung bräuchten. Sie kannten dieses Wort ja, Verwesung umgab sie wie ein Geschwür, zu dem sie keinen Zugang fanden. Die Anderen, die wirklich sehr Alten, waren auch entfacht, aber: sollten doch die Jungen in den Kreis des Lebens eintreten. Die Ältesten hatten solange gelebt, dass sie sich kaum mehr vorstellen konnten, wie der Tod funktionierte. Die Parteien wühlten sich gegenseitig auf, zusammen oder gar nicht, sagte die eine Partei, geht doch sterben, sagte die Andere. Irgendwann brach die erstgeborene Dryade aus der Reihe der Ältesten hervor, die lange geschwiegen hatte, sie war zu heilig, um belästigt zu werden. Aber nun war ihr Zorn vollständig aufgespannt. Ihr versteinerter Verstand ächzte und quietschte unter der Last dieses neunen Problems, und malträtiertes Denken stand hinter ihrer Tat: Sie ging auf die Wortführerin der jungen Alten zu, und sie presste deren Kehle. Millionen Jahre hatten Fleisch aus ihrer Hand gemacht. Sie war kraftlos und runzelig, aber Millionen Jahre hatten Fleisch aus ihrer Hand gemacht, und kein Körper eines Dryaden war je in einem Bestandteil harte Materie gewesen. Nichts konnte getan werden, die Erstgeborene würgte ihren Feind zu Tode. Und die Dryade, die aus seinem Wahn erwacht war, erschrak und rannte aus dem Wald hinaus.
Da erkannten die Dryaden was sie waren, und jegliche Feindschaft gegeneinander wurde abgelegt. Und geschlossen stiegen sie aus den Wäldern, hin zu ihren Nekrolithen, die bereits aus sie warteten. Sie gingen auf die Friedhöfe, sperrten die Tore zu und kamen nie mehr zurück.   





24.10.09 23:49


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